Die Natur der beschleunigten Zeit
Als kambrische Explosion wird die umfassende Umformung der Lebewelt zu Beginn des Kambriums vor etwa 540 Millionen Jahren bezeichnet. Es entstanden in geologisch kurzem Zeitraum viele neue Arten und es tauchen scheinbar unvermittelt die Baupläne fast aller mehrzelliger Tierstämme auf, die seitdem die Erde bevölkern. Dieses in der Weltgeschichte einzigartig erscheinende Ereignis stellte einen Quantensprung in der biologischen Evolution dar. Ursache der kambrischen Explosion scheint die Innovation von mehrzelligen Lebewesen zu sein. Dieser emergente Akt war möglich, da sich im komplexen System Weltmeer ein ausreichender Vernetzungsgrad entwickelt hat und das Leben sich somit auf eine neue, höhere Systemstufe begeben konnte.
Heutige soziotechnische Systeme können ebenfalls als komplexe Systeme bezeichnet werden. Der Vernetzungsgrad durch menschliche und technische Kommunikation nimmt rasant zu. Gleichzeitig nimmt die Anzahl der Agenzien die an dieser Kommunikation teilnehmen sowie die Intensität und Qualität der Kommunikation zu. Es ist also anzunehmen, dass mit erreichen der kritischen komplexen Masse soziotechnischer Systeme ähnliche emergente Akte ereignen können und somit die Menschheit auf eine weitere höhere Ebene bringen könnten. Hierzu tragen der wissenschaftliche und technische Fortschritt gleichsam wie die Globalisierung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Welt bei.
Sämtliche Entwicklungen weisen auf einen Kulminationspunkt hin, der das menschliche Weltbild von Grund auf verändern wird. Dieser Kulminationspunkt der „zweiten kambrischen Explosion“ könnte der Definition einer Singularität folgen. Dass heisst, Naturgesetze und vor allem die damit verbundene Restriktionen könnten ganz oder teilweise ausser Kraft gesetzt werden. Wie eine Zeit, nach der zweiten kambrischen Explosion ausgestaltet ist, lässt sich heute kaum vorhersagen. Es ist aber nicht unmöglich, dass sich zum Beispiel die Lebenserwartung von Menschen deutlich, bis hin zu hunderten von Jahren, verlängern lässt (auch die Entwicklung der Lebenserwartung in den Industrienationen unterliegt einem überproportionalen Wachstum).
„Technologien“ zur Verbesserung des zielgerichteten und vernetzten Gebrauchs unseres Gehirns werden unter dem Begriff „Intelligence Amplification“ zusammengefasst. Hierbei können psychologische Praktiken, medizinische Mittel oder auch technologische Innovationen genutzt werden um die Kommunikations- und Informationsverarbeitung im menschlichen Gehirn zu verbessern. Dies kann sich auf alle Bereiche menschlicher Intelligenz erstrecken, also die Bereiche der klassischen, der physischen, der emotionalen und der spirituellen Intelligenz. Intelligence Amplification ist somit ein Katalysator für den evolutionären Prozess zur Weiterentwicklung von Intelligenz und erhöht damit die Kohärenz in soziotechnischen Systemen. Die Entwicklung von Sprache und Schrift waren die ersten Schritte um Wissen über Generationen hinweg zu erhalten und weiterentwickeln zu können.
Intelligence Amplification ist ein Mittel um den Vernetzungsgrad und die Effizenz in der Gegenwart zu erhöhen und somit Zugang zu den 93% bis 95% ungenutzter Gehirnkapazität zu erschliessen. Der Verlust an Stabilität durch die steigende Komplexität kann zu einem Quantensprung führen und somit neue Ebenen des Denkens eröffnen. Ein Verlust an Stabilität erfordert aber auch ein erhöhtes Maß an Flexibilität. Somit sollte ein Zugewinn an Flexibilität als wertvoller Nutzeneffekt in Entscheidungsprozesse mit einfließen.
Es wird heute auf Basis des Moore’schen Gesetzes davon ausgegangen, dass die Rechenkapazität von Heimcomputern bis zum Jahr 2013 die eines menschlichen Gehirns erreichen wird. Darüber hinaus macht das „Reverse Engineering“ des menschlichen Gehirns so gute Fortschritte (Teile des Gehirns können bereits simuliert werden), dass erwartet wird, dass bis ca. zum Jahr 2025 die Software unseres Gehirns vollständig erforscht ist und somit Computer alle Fähigkeiten besitzen könnten, die heute über Menschen bekannt sind . Inklusive Emotionen, Kreativität, Mustererkennung und vor allem Innovationsfähigkeit.
Der wesentlichste Schritt hin zur Erreichung der technischen Singularität ist das Erreichen menschlicher Intelligenz durch Computer.
Ist dieser Punkt einmal erreicht, werden Computer die Forschung weitgehend ohne menschliche Unterstützung betreiben können und eine explosionsartige Weiterentwicklung von Technologie bewirken. Wenn das Moore’sche Gesetz weiter Gültigkeit behält wird ca. im Jahr 2045 ein Heimcomputer die Rechenkapazität der Gehirne aller lebenden Menschen besitzen.
Wenn diese Annahmen richtig sind, stehen wir also vor einem Veränderungprozess von über-irdischen Ausmassen der sämtliche heute gültigen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und philosophischen Wahrheiten in Frage stellen könnte. Und von allen Individuen, Organisationen und Staaten ein hohes Mass an Adaptionsfähigkeit verlangen wird.
Während sich während der Lebenszeit früherer Generationen fast nichts änderte, haben wir innerhalb von wenigen Jahren das Entstehen und die weltweite Verbreitung von Telefon, Fernsehen, Mobilfunk und des Internet erlebt.
Aber das Beste kommt erst noch!